Eskapismus vs. Realität

Rollenspielern wird ab und an Eskapismus unterstellt. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob es ein Hobby gibt, das als eskapistischer gelten kann… gut, meiner Meinung nach hat die weit verbreitete Nutzung von Computer- bzw- Videospielen mindestens genauso stark mit Eskapismus zu tun und ist gesellschaftlich wesentlich bekannter und verbreiteter.

Auf Steam gibt es wortwörtlich tausende Spiele, oft zu kleinem Preis (vor allem bei Sales), viele sind auch free-to-play. Für die Liebhaber älterer Spiele gibt es z.B. GoG und Abandonia. Pokemon Go ist in der Grundversion kostenlos. Es gibt zahlreiche kostenlose MMORPGs, ich denke, EVE online wurde auch vor kurzem free-to-play. Kurzum: An günstigen, guten und fesselnden Spielen herrscht überhaupt kein Mangel, und jede Woche verbringen Millionen nicht nur junger Menschen Millionen von Stunden vor den Bildschirmen (mich eingeschlossen).

Andere Medien, die dem Eskapismus dienen können, sind alle Arten von Fernsehen (klassisch, Youtube, Serien) und – noch klassischer – Bücher (inkl. Comics), dazu kommt das Internet-Surfen, lesen von Blogs, Nachrichten etc.

Es gibt also unendlich viele Möglichkeiten, sich von der Realität ™ abzulenken. Eine Realität, die zunehmend bedrohlicher erscheint…

Ganz aktuell das Erstarken des Rechtspopulismus (AFD hierzulande, Front National, Trump, etc. pp.), dazu kommen schon länger schwelende Probleme, die sich aber nicht von alleine lösen, so z.B. Arbeitslosigkeit, Armut auch in den westlichen Staaten, Klimawandel, uralte Atommeiler und Atommüll… Gleichzeitig sind die Möglichkeiten, sich zu informieren, wesentlich einfacher geworden, ich kann jeden Tag Nachrichten und Artikel auf vielen verschiedenen Internetseiten etablierter und unabhängiger Medien lesen. Das kann einen ab und an erschlagen – zumal die Einflussmöglichkeiten, irgendetwas zu verändern, bzw. das Verhalten von Millionen von Menschen zu beeinflussen (was u.U. hinsichtlich der Umweltprobleme nötig wäre), meistens bescheiden gering sind. Wer glaubt denn ernsthaft, dass sich durch die Teilnahme an der Xten Demonstration oder Wahl, durch ein Engagement in einer Partei oder NGO irgendetwas großartig ändern würde? Kurzfristig ändert sich meistens nichts (zum positiven), und mittel- oder langfristig, dafür wird schon ein langer Atem gebraucht, sowie das Wissen um die Schwierigkeit des Bohrens dicker Bretter.

Ein positives Beispiel scheinen die Indignados-Proteste (15m) in Spanien zu sein, aus dem Jahr 2011. Aus einer Massenbewegung der Straße heraus wurde tatsächlich eine Partei geboren (Podemos), die, mit unterschiedlichen Bündnissen, seitdem zwei der wichtigsten Städte „erobert“ hat: Barcelona und Madrid. Außerdem ist die Partei maßgeblich dafür verantwortlich, dass es seit ca. 9 Monaten keine gewählte Regierung mehr in Spanien gibt und es eventuell zum dritten Mal innerhalb von kurzer Zeit Neuwahlen geben wird. An diesem Beispiel wird aber auch deutlich, wie lange solche politischen Prozesse dauern können, seit 2011 sind nun immerhin 5 Jahre vergangen, und es wurden in diesem Zeitraum natürlich unglaublich viele Arbeitsstunden von Hunderttausenden investiert, um die Erfolge möglich zu machen.

Wie viel einfacher sind da die Erfolge und Belohnungen bei Computerspielen. Selbst wenn man sich für Politisches interessiert und regelmäßig informiert (meiner Meinung nach eine Grundvoraussetzung für politisches Engagement), was bei vielen Zeitgenossen erstmal überhaupt nicht stattfindet, ist unter Umständen die Abschreckung, irgendetwas zu tun, sich zu engagieren, durch die bedrohliche und zum Teil auch unübersichtliche Gemengelage enorm. Alles scheint zu kompliziert und vor allem zu groß, eine positive Veränderung utopisch oder allein der Gedanke daran lächerlich.

Dann „flüchte“ ich mich doch lieber in das neueste (na gut, is schon ein paar Jährchen her 🙂 ) postapokalyptische Abenteuer von Bethesda… will von „all dem Bösen(tm)“ am liebsten gar nichts mehr wissen, ok, gehe noch ein- bis zweimal im Jahr gegen Nazis oder die AFD auf die Straße, mache ansonsten meinen 9-to-5-Job und freue mich über die Wochenenden, an denen ich genug Zeit zum Zocken habe…

Das ganze ist zutiefst menschlich, meiner Meinung nach, und auch gut nachzuvollziehen, ich will hier nichts verurteilen, auch weil ich selbst in meinem Leben unzählige Stunden in virtuellen Welten verbracht habe. Das Phänomen des massenhaften Videospielkonsums könnte schon eine Ursache dafür sein, warum sich die jüngere Hälfte der Bevölkerung eher weniger politisch engagiert – wer Vollzeit arbeitet bzw. studiert, zocken will und eventuell auch noch Familie hat, hat dafür eben auch keine Zeit mehr. Und, wie oben schon angedeutet, man müsste darin ja auch irgendeinen Sinn sehen.

Links und Quellen folgen…

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